Selektives Colour Grading

Wie sehr Farben Charaktere und Handlung im Film beeinflussen, demonstriert dieses Beispiel. Die ursprüngliche Szenerie (Abb. klein, rechts) zeigt das Rohmaterial: einen harmlosen Vogelkundler mit Feldstecker.

Nach selektivem Colour Grading wird in der Nachbearbeitung aus dem netten Vogelliebhaber ein Spion, ein Geheimpolizist oder ein Detektiv, der schmunzelnd sich seines Tuns bewusst ist.
Das Stichwort heißt: Storytelling durch Farben. Dabei spielt die Farbpsychologie ihre Stärken aus.
Während wir mit warmen Hauttönen und Grün allgemein eher positive Empfindungen verbinden, wirkt der schwach gesättigte Blaubereich in der korrigierten Version kalt und distanziert. Zwei punktuellen Farbakzenten in Pink verzerren zudem das Antlitz und lassen es fast unmenschlich, fremdartig erscheinen. Ein Effekt, der beim Rezipienten Unsicherheit und Argwohn auslöst.

Unsere visuelle Wahrnehmung ist selektiv. Sie konzentriert sich auf die Bereiche, die am meisten Informationsgehalt versprechen. Das lässt sich gut im Storytelling mittels Farbe nutzen. In diesem Beispiel sind das die allgemeine Farbstimmung im Bild und die „Feldstecheraugen“. Hierüber wird die prägende Botschaft vermittelt.

Doch weshalb interpretieren und empfinden wir die beiden Standbilder so unterschiedlich? Schließlich kennen wir weder Handlung noch wissen wir etwas über den Charakter der abgebildeten Person und ihr Tun. Ein Blick in die Wahrnehmungspsychologie hilft:
Das erwachsene Gehirn funktioniert wie ein riesiges Archiv an Informationen mit mannigfaltigen Vernetzungen. Farben – Töne – Formen – Bewegungen all unsere Sinneswahrnehmungen sind mit Erlebnissen verknüpft, die wiederum Emotionen hervorrufen. Im Gegensatz zu einer starren Bibliothek ist das Gehirn jedoch äußerst plastisch und passt sich jeder Situation an.
Dieser Prozess des Erkennens und Interpretierens ist enorm energieintensiv. Und, wie immer in der Evolution, ist Effektivität der Schlüssel zur Optimierung. Das ist wohl der Grund, weshalb unsere Wahrnehmung über sogenannte mentale Modelle funktioniert. Wir lernen das schnelle Deuten von Informationen, indem Situationen wie ein Template abgespeichert werden. Bei ähnlichen Kombinationen von Sinneswahrnehmungen und in der Vergangenheit als richtig erkannten Bedeutungen muss das Gehirn lediglich entscheiden, welche im konkreten Fall die wahrscheinlichste Deutung ist. In wenig eindeutigen Situationen schauen wir nochmals genauer hin und hinterfragen die angebotene Deutung. Erst jetzt läuft das Wahrnehmen tatsächlich bewusst ab.

Fazit: Die Farbe nimmt im Storytelling eine von vielen Filmschaffenden unterschätzte Bedeutung ein. Denn werden Farben im Film richtig eingesetzt, beeinflussen sie die Narration und Emotion, ohne dass dies den Zuschauerinnen und Zuschauern bewusst wird.

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